Interview: Schneider Electric im Euref Campus

Elektrizität 4.0

In Düsseldorf entsteht mit dem Euref Campus bis 2024 ein internationales Schaufenster der Energiewende auf über 80.000m². Rund 3.500 Menschen aus verschiedenen Unternehmen, Startups sowie Wissenschaft und Forschung sollen vor Ort in engem Austausch an den Zukunftsthemen Energie, Mobilität und Nachhaltigkeit arbeiten. Im Rahmen einer Baustellenführung konnten wir mit Peter Weckesser, Chief Digital Officer, und Chris Leong, Chief Marketing Officer, von Schneider Electric, dem Ankermieter und Technologiepartner im neuen Campus, über die Projektvision und das Gebäude der Zukunft sprechen.

Was ist die Vision hinter dem Euref Campus?

Peter Weckesser: Die gesamte Vision von Nachhaltigkeit und New Work ist in das Konzept eingebettet. Es ist ein gemeinsamer Campus, in den Energieerzeugungskonzepte wie Solaranlagen und Windturbinen integriert sind. Ein Microgrid und digitale Elemente sind ebenfalls mit an Bord. Wir haben Tausende von Sensoren für die Temperatur, den Energieverbrauch und das Gleichgewicht zwischen Energienutzung und -erzeugung. Der Campus ist über das Microgrid außerdem mit seiner Umgebung vernetzt. Gemeinsam mit Euref wollen wir mit dem Konzept zeigen, was bei neuen Gebäuden alles möglich ist. Denn wir sind überzeugt, dass wir durch die Kombination von grüner Erzeugung und Digitalisierung Energie optimal nutzen können.

Was bedeutet es für Sie, der Ankermieter in einem solchen Projekt zu sein?

Weckesser: Es geht beim Euref Campus in erster Linie nicht nur um ein einzelnes Unternehmen. Es ist vielmehr ein Ort, an dem sich Menschen und Unternehmen treffen und austauschen. Schneider Electric ist einer der Hauptmieter und maßgeblicher Technologiepartner. Es ist also auch ein Schaufenster für uns und all unsere Technologien und Ambitionen.

Chris Leong: Ich möchte hier analog zu Industrie 4.0 das Thema Elektrizität 4.0 ins Spiel bringen. Einfach gesagt bedeutet der Begriff, elektrifiziert zu sein. Das ist der beste Vektor für die Dekarbonisierung. Es geht darum, eben mehr elektrisch und mehr digital zu sein. Es sind diese zwei Komponenten, die die Elektrizität 4.0 voranbringen. Als Ankermieter haben wir eine klare Ambition: Wir wollen zeigen, dass und wie unsere Technologien funktionieren.

Gibt es ähnliche Projekte in anderen Teilen der Welt?

Leong: Ich kann Ihnen zwei weitere Beispiele geben. Das erste ist eines unserer Bürogebäude, Intencity in Grenoble. Ein Greenfield-Gebäude, das dank unserer Technologien nur 10% des durchschnittlichen Stromverbrauchs eines Gebäudes gleicher Größe in Europa aufweist. Das andere ist unser Büro in Paris: The Hive. Durch den Einsatz unserer Lösungen konnten wir dort unseren Energieverbrauch innerhalb von ein paar Jahren um 75 % senken. Bei The Hive handelt es sich um ein bestehendes Gebäude, ein Brownfield-Projekt. Selbst dort konnten wir mit einer Nachrüstung eine derartige Effizienzsteigerung erreichen. Wir sind außerdem in über einer Million Gebäuden auf der ganzen Welt vertreten, darunter in verschiedenen Hotelketten. Wir bedienen ebenfalls kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser oder Datenzentren. Außerdem arbeiten wir an nachhaltigen und zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Denn letztendlich ist die ganze Technologie vordergründig vorhanden, um den Planeten zu verbessern. Aber es stehen natürlich auch die Nutzer im Vordergrund, die ein gesundes Arbeitsumfeld vorfinden sollen.

Weckesser: Bei dem Beispiel The Hive haben wir nicht nur eine Menge digitaler Maßnahmen durchgeführt, sondern auch die Heizungsanlage auf Wärmepumpen umgestellt. Auch die passende Isolierung des Gebäudes war wichtig. Es ist also eine Kombination aus ganz verschiedenen Maßnahmen. Bei Intencity haben wir wiederum ein brandneues Design entwickeln können, bei dem auch alle unsere Planungstools zum Einsatz kamen. Wir glauben fest an das Konzept des Lifecycle Management und daran, dass man im Vorfeld genau planen muss. Als modernes Gebäude brauchst du einen digitalen Zwilling, mit dem man bereits im Vorfeld alles simulieren kann. Das ist etwas, das wir bei neuen Gebäuden fördern. Bei bestehenden Gebäuden ist der Einsatz solcher Technologien natürlich schwieriger, aber wir müssen diese Gebäude trotzdem mehr in Angriff nehmen. Und The Hive zeigt, dass man mit den richtigen Lösungen und der Umsetzung erforderlicher Maßnahmen enorme Effizienzgewinne und eine Verringerung des CO2-Fußabdrucks auch bei Bestandsgebäuden erzielen kann.

Wie muss das Gebäude der Zukunft aussehen, um unsere Klimaziele zu erreichen?

Leong: Heute haben wir Elektrofahrzeuge – morgen werden wir Electric Buildings haben. Gebäude müssen vollständig elektrifiziert werden. Das ist es, was ich mit Elektrizität 4.0 meine. Welche neue Generation von Arbeitnehmern möchte nicht in einem nahtlos integrierten und nachhaltigen Gebäude arbeiten, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht? Welche Interaktion haben wir heute, die nicht über eine App erfolgt? Das Gebäude der Zukunft korrespondiert mit seinen Nutzern. Denken Sie an die Hotels: Unsere Lösungen stellen z.B. sicher, dass die Energieeffizienz optimiert wird, wenn sich kein Gast auf der Etage befindet. Wir bieten Lösungen, die die Effizienz steuern, aber auch auf die Interessen des Gastes bei der Klimatisierung oder Beleuchtung im Zimmer eingehen. Das sind nur Beispiele, welche Vorteile der Nutzer erfährt. Am Ende sind Energieeinsparungen auch für Wirtschaftlichkeit und natürlich Klimaziele wichtig.

Weckesser: Wie Chris Leong sagt, sind es diese zwei Visionen, die zum Erfolg führen: Nämlich das vollständig elektrifizierte und digitalisierte Gebäude. Und es ist nicht nur das Gebäude allein. Da geht es auch um das Microgrid, welches das Gebäude mit der Umgebung verbindet. Und auch der Lebenszyklus eines Gebäudes spielt eine signifikante Rolle. Wir fangen nicht einfach an zu bauen, sondern wir planen das Gebäude, entwerfen die Architektur und planen den Energiebedarf. Wir entwerfen die elektrischen Netze und die Sensorik, also die Datenpunkte, welche in den Räumen angebracht werden, um die Temperatur zu messen und die Beleuchtung zu steuern. Wir erstellen also zuerst diesen digitalen Zwilling des Gebäudes. Unsere Aufgabe und Verantwortung bei Schneider Electric sehen wir darin, Kunden während des gesamten Lebenszyklus‘ zu unterstützen und zu beraten. Den Anfang bildet hierbei die Planung. Und dann sind wir natürlich auch in der Betriebsphase mit unserem Portfolio anwesend, von Microgrid-Lösungen bis hin zur Gebäudemanagementlösung. So sichern wir diesen nahtlosen Lebenszyklus, von Anfang bis Ende.

Ist Beratung heute genauso wichtig wie die konkrete technische Lösung?

Weckesser: Ja, und das entwickelt sich immer weiter. Bei unserem klassischen Portfolio ging es mehr um den Verkauf von Funktionen und Merkmalen unserer Produkte und Lösungen. Jetzt, da unser Portfolio immer mehr aus Software besteht und immer digitaler wird, führen wir ganz andere Gespräche mit unseren Kunden. Es geht nicht mehr nur um Funktionen und Merkmale, sondern wir sprechen auch über ein Wertversprechen, nämlich Energieeffizienz und den gesamten Lebenszyklus. Wir diskutieren und beleuchten komplett neue Geschäftsmodelle, skizzieren individuelle digitale Services und vieles mehr.

Leong: Das beschränkt sich nicht nur auf den Bau eines Gebäudes oder die Erstellung des nächsten Produktionsplans. Es geht um Beratung auf Unternehmensebene, um die Entwicklung eines Fahrplans, wie Unternehmen und Betriebe ihre Ziele in Bezug auf Nachhaltigkeit angehen können. Wir sind nicht nur Anbieter von Produkten und Software, sondern auch ein Akteur im Energie-Ökosystem. Schneider Electric ist, gemessen am Volumen, einer der größten Energiemanager der Welt und verwaltet im Auftrag seiner Kunden jährlich durchschnittlich mehr als 30Mrd.US$ an globalen Energieausgaben. Wir betreiben ein sogenanntes Neo-Netzwerk, auf dem wir Käufer und Verkäufer von erneuerbaren Energien zusammenbringen.

Das richtige Netzwerk spielt auch bei Schneider Electric Exchange eine Rolle. Können Sie uns mehr über diese Plattform erzählen?

Weckesser: Schneider Electric Exchange haben wir vor ein paar Jahren ins Leben gerufen, um ein Ökosystem von Partnern zu gewährleisten, die gemeinsam Innovationen entwickeln möchten und können. Es gibt dort eine große Anzahl wachsender spezieller Themen-Communities, in denen wir uns austauschen. Aktuell sind wir dabei, Exchange noch weiterzuentwickeln. Sie haben bestimmt schon von unserer IoT-Architektur Ecostruxure gehört, die unsere vernetzten Produkte, Plattformen und digitalen Dienste verbindet. Ecostruxure war ursprünglich als Schneider-Architektur konzipiert, basierte aber schon immer auf offenen Standards. Nun wollen wir diese für Partner auf ein neues Level heben. Das bedeutet, dass wir noch intensiver als zuvor offene APIs auf Ecostruxure erstellen werden und unseren Partnern und Kunden damit die Möglichkeit geben, ihre eigenen Anwendungen zu entwickeln. Diese Anwendungen nennen wir Advisors. Das bedeutet, dass wir unseren Kunden bei der Erstellung ihrer eigenen Advisors helfen bzw. ein Ökosystem von Partnern zur Verfügung stellen, die dabei helfen können. Und exakt hier spielt Exchange, wo all diese Partner zusammenarbeiten können, eine wichtige Rolle.

Leong: Exchange ist auch eine Manifestation unserer Werte. Wir haben uns entschieden, auf Offenheit zu setzen, weil wir glauben, dass die Demokratisierung der richtige Weg ist. Partnerschaft in allem, was wir tun, ist einer unserer Grundwerte. Außerdem wollen wir das lokalste aller globalen Unternehmen sein. Deshalb haben wir ein solches Ökosystem, das Anwender und Entwickler unterstützt, egal wo sie sind. Und last but not least: Skalierbarkeit. Wir bieten einem einzelnen Entwickler Zugang zum gesamten Markt. Das sind einige der Kernwerte, wie wir unser Geschäft führen wollen. Letztlich ist es unser Ziel, somit eine weltweit nutzbare Plattformökologie im Bereich der Operation Technologies zu etablieren. Diese wird helfen, die so wichtige Beschleunigung von Integration und Migration zu ermöglichen. Und die gute Nachricht ist, dass die Technologie vorhanden ist!

Um Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, müssen wir die Emissionen bis 2030 um die Hälfte reduzieren. Ein realistisches Ziel?

Leong: Jedes Mal, wenn wir über das Ziel der Nachhaltigkeit sprechen, habe ich das Gefühl, dass sich viele Menschen nur auf die erneuerbaren Energien konzentrieren. Und erneuerbare Energien sind in der Tat ein wichtiger Faktor, daran besteht kein Zweifel. Aber wir vernachlässigen die andere Hälfte der Gleichung, nämlich die der Energieeffizienz. Wir haben die Beispiele von The Hive, von Intencity und von Euref kennengelernt. Das sollte heute überall der Weg sein. Wir müssen also über erneuerbare Energien in Verbindung mit mehr Energieeffizienz sprechen.

Weckesser: Die genannten Beispiele zeigen, dass man mit den richtigen Maßnahmen bei Gebäuden aller Art den Energieverbrauch erheblich senken kann. Wir können nicht genug betonen, dass diese Gleichung zwei Seiten hat. Die eine Seite ist die Erzeugung und die andere ist die effiziente Nutzung von Energie. Geht es um die Erreichung der Klimaziele, bieten Neu- und Bestandsbauten ein hohes Potenzial. Schließlich geht es um 40 % des gesamten Energieverbrauches. Mit der Schaffung des Green Deal und der damit in Verbindung stehenden Renovation Wave hat Europa klar signalisiert, diese Chance verstanden zu haben. Die Technik ist vorhanden, jetzt gilt es, die Vorhaben entsprechend umzusetzen.

Vielen Dank für das Interview!

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